Blickpunkt Nottuln
12.06.2024
Blickpunkt Nottuln

Teil 2: Speicher in Nottuln, Bauernschaft Uphoven

Jeder Spieker in Nottuln hat seine eigene Geschichte. Dieser Spieker, nicht sehr weit entfernt vom Longinusturm in den Baumbergen, hat jedoch eine ganz besondere, doch dazu später mehr.
Erbaut wurde der Sandsteinspieker von Albert Schulte Westerode auf einem Hof in der Bauernschaft Uphoven im Jahre 1720. Bereits im 13. Jahrhundert fand dieser Hof, der nahe an den Steverquellen liegt, zum ersten Mal Erwähnung. Über die Lagerung von Getreide hinaus wurde der Spieker zum Backen und Brauen genutzt, bis er im 20. Jahrhundert als Wohnhaus Verwendung fand. Heute befindet sich der Sandsteinspieker im Besitz der Familie Schulze Bisping.

Doch nun zur Geschichte von Jörg Dirk Schulte Westerode, der im Jahre 1755 auf seinem Hof Lüninge erlegen wollte und dabei seine Frau Anna Elisabeth Thier ...

Die Spatzensteuer im 17./18. Jahrhundert führte dazu, dass Spatzen, die die Saat von den Feldern fraßen, dezimiert wurden. Das geschah durch das Ausnehmen der Nester oder durch Erschießen. Die Bauern hatten den Nachweis hierüber zu erbringen. Sie mussten eine bestimmte Anzahl von Spatzen- und Krähenköpfen zum Göding (Gerichtstermin) vorlegen, damit ihnen diese Steuer erlassen wurde.

So erging es auch dem Bauern Jörg Dirk. Seine Frau Anna Elisabeth hatte sich gerade mit den Mägden in den Garten zurückgezogen, um Unkraut zu jäten. Da kam ihm die Idee, endlich zur Tat zu schreiten. 20 Krähen- und Spatzenköpfe mussten her, denn die wollte der Gograf zum Göding sehen.
Jörg Dirk holte aus einer alten Kiste die schwere Luntenflinte hervor, die eigentlich mit einer Stützgabel bedient wurde. Doch die war im Moment unauffindbar. Die Lunte und das Pulver entnahm er aus einem Fach am Kamin, dort lagerte es trocken. Nachdem er die Lunte eingeführt und ein gehörig Maß an Schießpulver aus der Pulverflasche in das Rohr gefüllt hatte, stopfte er sorgfältig mit dem Gewehrstock nach. Aus einem Beutel füllte er die mittleren Hagelkörner in das Rohr. Das würde den Lüningen „gut“ bekommen. Die flogen zwischen Birnbaum und Speicher hin und her und stritten sich um Getreidekörner, die sie aus ihm stibitzt hatten.

Ein munteres Völkchen, aber nicht mehr lange, dachte er sich im Stillen und verschloss das Flintenrohr mit einem Papier-Pfropfen. Unsicher erhob er das Gewehr, lange hatte er es nicht mehr benutzt. Vorsichtig legte er auf die Spatzen an, doch seine Hände zitterten stark. Nur mühselig bekam er Kimme und Korn übereinander. Doch die Lüninge saßen sehr dicht beieinander, den ein oder anderen würde er schon erwischen. Er legte Feuer an die Lunte und zielte erneut. Ein betäubender Knall erschreckte die Mägde. Einige Lüninge fielen vom Baum, dann trat absolute Stille ein.
Plötzlich ein jäher Schrei aus dem Speicher: „Jesus, Maria!“ Dann ein dumpfes Poltern. Anna Elisabeth, seine Frau, war die Treppe heruntergefallen ... Was dann geschah, können Sie in dem Buch „Lüninge“ von Hans Peter Boer, erschienen im Landwirtschaftsverlag Münster -Hiltrup (ISBN 3-7843-2508-4), nachlesen. Falls es nicht mehr erhältlich ist, können Sie in der Stiftsbuchhandlung Esplör in Nottuln das Ende der Geschichte erfahren.

Übrigens, im Teil 3 werden wir Ihnen den einzigen Speicher im "Historischen Ortskern" von Nottuln vorstellen.

Mit besten Grüßen

Ihre Redaktion
Karin und Jürgen Gerhard

Teil 1: Speicher in Nottuln-Schapdetten 

Die alten Spieker auf den Bauernhöfen erfreuen uns auch heute noch mit ihrem wundervollen Anblick. Dank ihrer Restaurierung und Erhaltung finden wir sie nicht nur in Nottuln, sondern im gesamten Münsterland wieder. Dieser Prachtspieker steht auf dem Hofgelände Alichmann in der Bauernschaft Heller in Schapdetten. Heute wird der Spieker als Wohnraum genutzt und zur Weihnachtszeit werden die Fenster mit leuchtenden Sternen geschmückt. Doch bevor die Spieker auf den Bauernhöfen entstanden, fand die Lagerung in sogenannten Speicherkörben und Fachwerkkornkästen statt. Erst ab ca. 1520 erfüllten die Spieker ihre Funktion als Lagerstätte bis ungefähr 1920.

Doch die Bauern lagerten nicht nur ihr Getreide und weitere Lebensmittel dort ein, sondern die Spieker hatten auch überlebenswichtige Funktionen. So konnten sich bei Überfällen und Plünderungen die Bauern mit ihrer Familie und ihrem Gesinde in den verhältnismäßig sicheren Spieker zurückziehen. Mancher war gar mit einem wassergefüllten Ringgraben geschützt. Folglich bot sich im Spieker auch die Möglichkeit zu einem längeren Aufenthalt an, und das selbst im Winter, wenn er mit einer Feuerstätte ausgestattet war.

Von den vielen Spiekern in Nottuln stellen wir Ihnen einige der schönsten und interessantesten vor. 

Der höchste Spieker im Münsterland

Ein weiterer sehr eindrucksvoller Spieker wurde auf dem Hof Schulze Hauling in Heller, ebenfalls in Schapdetten, um 1890 erbaut. Die Außenwände haben im Kellergeschoss eine Wanddicke von 1,35 m und sind im Giebel immerhin noch 65 cm stark. Bis in die Siebzigerjahre wurde im Dachgeschoss noch Korn eingelagert. Heute befinden sich in dem bereits restaurierten Spieker zwei Wohnungen, ca. 100 und 300 qm groß. Bei der Restaurierung wurde großer Wert auf den Erhalt der vorhandenen Ausstattung gelegt. Eindrucksvoll gestaltet präsentieren sich heute die Räumlichkeiten des Spiekers.

Der Wehr- und Zehntspieker Schulze-Hauling

Erbaut im Jahre 1536, zählt der Wehrspeicher, ebenfalls auf der Hofanlage Schulze Hauling in Heller stehend, zu den ältesten Spiekern im Münsterland. Zudem war dieser mächtige Speicher damals wohl auch der größte, denn er diente als Zentspeicher für das Aegidikloster in Münster, zu dem die gesamte Hofanlage seit 1217 bis zur Säkularisierung gehörte.

Dieser Spieker ist aufgrund seiner Merkmale sicher einer der interessantesten in Nottuln. Im massiven, aus Baumberger Sandstein errichteten Kellergeschoss befinden sich Schießscharten, um sich gegen Plünderer wehren zu können. Schließlich ist der Speicher einer der wenigen Gebäude, die den 30-jährigen Krieg von 1618 bis 1648 unbeschadet überstanden haben. Das Obergeschoss war für einen Speicher sehr elegant im Renaissancestil ausgestattet und mit einer Feuerstätte versehen.

In der sich anschließenden Bildergalerie erfahren Sie weitere Einzelheiten über die denkmalgeschützten Speicher.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Betrachten und Lesen.

(Im Teil 2 haben wir vor, Ihnen zwei weitere Spieker vorzustellen.)

Mit besten Grüßen 
Ihre Redaktion
Karin und Jürgen Gerhard

Führung durch die Kurie der Familie von der Recke zu Steinfurt

Am Tag des Denkmals führte uns Günther Ring von der Gemeinde Nottuln zusammen mit einer Gruppe sachkundig durch die im Jahre 1748 erbaute Kurie der Familie von der Recke zu Steinfurt, auch Recksche Kurie genannt Das absolute Highlight ist natürlich das Äbtissinnenzimmer mit seiner romantischen Atmosphäre, indem auch heute noch Hochzeiten stattfinden. Auch wir von der Redaktion hatten uns dort vor Jahrzehnten das Ja-Wort gegeben, draußen wartete, passend zu den historischen Kurien, eine zweispännige Hochzeits-Kutsche.

Doch auch sonst hat die Recksche Kurie einiges zu bieten, wie das schön gestaltete Treppenhaus, in dem wir auch dieses gerahmte Plakat, vermutlich rund 70 Jahre alt, fanden. Besonders Marcus Ahlers hatte viel Freude daran, fand er doch in der oberen linken Ecke eine Werbeanzeige seiner Firma wieder, die damals noch unter "Matratzenfabrik“ firmierte.

Doch auch das behagliche Kaffee Pennekamp-Wissing ist dort präsent, von dessen Kuchen auch heute immer noch viele Nottulner schwärmen.  Leider gibt es das nicht mehr, wie auch das Autohaus Bergmann, das Baugeschäft Stapper, das Möbelhaus Averhoff, das Textilhaus Faltmann, das Elektrohaus Vacker und das Schuhhaus Menke. Umgezogen sind lediglich die Kreissparkasse und die Spar- und Dahrlehnskasse (heute Volksbank), die in der Kurie von Ketteler auf Harkotten angesiedelt war - heute Arztpraxis Dr. Baumeister -, denn Geld hat immer Konjunktur bzw. wird immer gebraucht! Hingegen befindet sich die Blaufärberei Kentrup seit 1850 an ihrem angestammten Platz.
Schön, dass dieses historische Plakat, welches ein wertvolles Stück Zeitgeschichte dokumentiert, noch existiert und hier einen gut einsehbaren Platz bekommen hat.

Im obersten Dachgeschoss entdeckten wir, dass der alte Windenaufzug am Westgiebel, mit dem die beiden Kornböden versorgt wurden, nicht mehr vorhanden ist. Die dazugehörige drehbare, senkrecht stehende Spindel, auf der sich das Seil aufwickeln ließ, existiert noch.
Uns ist es ein Rätsel, warum diese historische Aufzugsanlage in dem denkmalgeschützten 275 Jahre alten Gebäude fast vollständig beseitigt wurde, zumal die Gemeinde Nottuln Eigentümerin der Kurie und zudem auch noch selbst untere Denkmalschutzbehörde ist. 
Lange kann die Beseitigung noch nicht her sein.

Interessant war übrigens auch der Gewölbekeller, in dem sich heute die Übergabestation für die "Fernwärme" befindet, die im gemeindeeigenen Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk erzeugt wird. Allerdings reicht die Heizleistung wohl bei sehr niedrigen Temperaturen nicht aus, dann schaltet sich eine im Dachgeschoss installierte Feuerungsanlage hinzu. Übrigens war es eine gute Idee, dass Besucher alle Etagen, inclusive Gewölbekeller und Dachboden, besichtigen konnten, schließlich war in der spätgotischen Hallenkirche auch der innere Kirchturm zur Besichtigung freigegeben.

Wer noch etwas mehr über die Recksche Kurie erfahren will, dem empfehlen wir den Artikel aus unserer Serie "Denkmalschutz im historischen Ortskern" Teil 6, den Sie mit folgendem Link direkt aufrufen können: 
https://www.nottuln-blickpunkt.de/470-denkmalschutz-im-historischen-ortskern-teil-6 

Alle weiteren Artikel zum Denkmalschutz, insbesondere der Kurien, der Alten Amtmannei und der spätgotischen Hallenkirche Sankt Martinus sind unter dem Button "Gemeinde" zu finden. Der Nottulner Blickpunkt hat sich damit freiwillig in den Dienst gestellt, dazu beizutragen, dass denkmalgeschützte Gebäude soweit wie möglich in Ihrer wunderbaren Ursprünglichkeit erhalten bleiben. Doch hat die Vergangenheit gezeigt, dass es sinnvoll ist, wenn alle Bürgerinnen Bürger ebenfalls ein Auge darauf haben. Das hilft Fehlentwicklungen rechtzeitig aufzuhalten und zu vermeiden, siehe auch Artikel unter: https://www.nottuln-blickpunkt.de/429-denkmalschutz-im-historischen-dorfkern-teil-1

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und Betrachten der Fotografien, auch in der nachträglich eingestellten Bildergalerie. 

Mit besten Grüßen

Ihre Redaktion
Karin und Jürgen Gerhard

(Ergänzt und aktualisiert am 12-9-2023) 

Die Alte Amtmannei auf dem Joseph-Moehlen-Platz (Kapitel 2)

Barrierefreiheit in der Alten Amtmannei 

Barrierefreiheit in den Kurien und der alten Amtmannei ist ein Kapitel, was in der Gemeinde Nottuln seit Jahrzehnten von Legislaturperiode zu Legislaturperiode verschoben wird. Das darf im Interesse, der in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkten Menschen nicht so weitergehen, hier besteht dringender Handlungsbedarf. Entsprechende Fördertöpfe sind zu nutzen.

Was die Reihenfolge der Maßnahmen betrifft, so ist Folgendes festzuhalten: Die von den Bürgern stark frequentierten Räumlichkeiten des Bürgerservices in der ersten Etage der Sendenschen Kurie (Rathaus), kann über den hinteren Zugang vom romantischen Innenhof aus erreicht werden. Der Ratssaal in der Aschebergschen Kurie wird immer weniger für Ratssitzungen genutzt, die meisten finden im Forum des Rupert-Neudeck-Gymnasiums, in Frenkings Hof Appelhülsen oder in anderen Räumlichkeiten von Darup und Schapdetten statt, was auch für eine gut funktionierende Demokratie von Bedeutung ist.

Der größte Handlungsbedarf besteht unseres Erachtens in der Alten Amtmannei. Nur alleine die zahlreichen kulturellen Veranstaltungen würden sicherlich von bewegungseingeschränkten Menschen, die auf einen Aufzug angewiesen sind, sehr gerne besucht. Es sind ja nicht ausschließlich Personen, die leider von Geburt an eine Behinderung haben, sondern auch immer mehr, die aufgrund ihres Alters auf eine Aufzugsanlage angewiesen sind. Da Menschen gerade in Nottuln immer älter werden, die Luft muss hier wohl besonders gut sein, wird dieser Anteil folglich wachsen. Offensichtlich scheint aber die Mehrheit der jetzigen Entscheidungsträger zu vergessen, dass auch sie eines Tages dazugehören könnten.

Anbau an die Alte Amtmannei

Ob allerdings der Abriss des Anbaus (Eingangsbereich) und der neue kostenintensive, moderne gläserne Anbau an die Amtmannei erforderlich ist, wagen wir ernsthaft zu bezweifeln. Insbesondere aus der Sicht des Denkmalschutzes aber auch um die Kosten zu minimieren, plädieren wir für eine passende, einfache und kostengünstigere Maßnahme, nämlich die Verlängerung des Eingangsbereiches um circa zweieinhalb Meter in gleicher Fachwerkbauweise. Das reicht um eine Aufzugsanlage unterzubringen und erhält den jetzigen Baukörper der Alten Amtmannei größtenteils. Zudem können der alte Fachwerkgiebel und die Fenster wieder genutzt werden. Selbst die Backsteinklinker könnten wieder eingesetzt werden, vorzugsweise in den verlängerten Seitenfassaden des Anbaus, um das farbgleiche Bild der bestehenden Fassaden zu erhalten. Der alte, wieder verwendete Fachwerkgiebel könnte mit möglichst einigermaßen farbgleichen neuen Backsteinklinkern ausgemauert werden.

Somit würde das ganze Vorhaben gerade in Fachwerkbauweise nicht angestückelt wirken, sondern der gesamte Baukörper der Alten Amtmannei würde wieder eine in sich geschlossene Einheit bilden. Fachlich geeignete Betriebe, die den Erweiterungsbau durchführen könnten, sind in Nottuln vorhanden. Auch für eine kostengünstige Planung kann sicherlich gesorgt werden.

Vielleicht gibt es weitere Möglichkeiten, wie die Errichtung eines selbständigen filigranen nicht allzu großen Glasgebäudes, das die Alte Amtmannei in ihrer historischen Eigenständigkeit optisch kaum beeinflusst, sich harmonisch einfügt und gastronomisch auch im Zusammenhang mit der Amtmannei genutzt werden könnte. Allerdings sind solche Gebäude auch wegen des reflektierenden Schalls auf den glatten Glasflächen innen oft sehr laut und hellhörig und lassen die Gemütlichkeit zum Beispiel eines Kaffees nicht aufkommen. Hier müsste dann akustisch sorgfältig geplant und zusätzlich schallabsorbierende Innenausstattungen und Möbel verwendet werden. Zudem wären zur Verhinderung von Stauhitze Abschattungsmöglichkeiten einzurichten.

Zukunftsaussichten

Wir kannten unseren Gemeindedirektor Joseph Moehlen gut und fühlen uns daher auch seinem Erbe, nämlich der Erhaltung des historischen Ortskerns verpflichtet. Wir hoffen, dass insbesondere der Bürgermeister und die Verwaltung, sowie auch Ihre Nachfolger, die als untere Denkmalschutzbehörde dieses verantwortungsvolle Erbe angetreten haben oder später einmal antreten werden, sich dessen als würdig erweisen und dieselben Interessen verfolgen. Dazu gehört auch, dass sie keine Projekte von Investoren zulassen, die diesen historischen Ortskern mit seinen denkmalgeschützten und denkmalschutzwürdigen Gebäuden beeinträchtigen oder zerstören könnten. Auch die Sichtachsen zwischen den geschichtsträchtigen Gebäuden (vornehmlich Kurien, Alte Amtmannei und Stiftskirche St. Martinus) müssen erhalten bleiben. Dieselbe Verpflichtung gilt natürlich auch für den Gemeinderat, der ebenfalls maßgeblich für den Erhalt und die Entwicklung des historischen Ortskerns Verantwortung trägt.

Letztendlich sollten allen Nottulner Bürgerinnen und Bürgern - auch den nachfolgenden Generationen - die Worte unseres ehemaligen Gemeindedirektors Joseph Moehlen: "EINE GEMEINDE LEBT VON IHREM HISTORISCHEN BESITZ" Aufgabe und Verpflichtung sein! 

Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ihre Redakteure vom NB
Karin und Jürgen Gerhard

Aktualisiert am 12.04.2023

Die Alte Amtmannei auf dem Joseph-Moehlen-Platz (Kapitel 1)

Keines der historischen Gebäude in Nottuln ist so mit unserem ehemaligen Gemeindedirektor Joseph Moehlen verbunden, wie die alte Amtmannei, obwohl er in rund 20 Amtsjahren viele geschichtsträchtige Gebäude im historischen Ortskern restaurieren oder wieder neu aufbauen ließ. So auch die Alte Amtmannei, die bereits 1982 fertiggestellt wurde - doch dazu später mehr.

Ein kurzer historischer Rückblick

Die Alte Amtmannei hatte in Nottuln eine hohe Bedeutung und war im 18. Jahrhundert Sinnbild der weltlichen Herrschaft des Damenstiftes. Nicht weit von den Kurien wurde sie am östlichsten Endpunkt des Stiftes errichtet, wo die unterschiedlichen Rechtssphären von Dorf/Kirchspiel und Adelsbereich zusammenstießen. Hier residierte und regierte der Amtmann, dessen Aufgaben sehr vielfältig waren. Zum einen führte er die Rechts- und Geldgeschäfte des Damenstiftes und war darauf bedacht, ihren Nutzen zu vergrößern und Schaden abzuwenden. Zum anderen oblag ihm die gesamte Aufsicht über die stiftshörigen Bauern und ihre Abgabeverpflichtungen, die er rechtzeitig beitrieb. Falls das nicht gelang, hatte er sogar die Macht, die schuldhaften Beträge bei den säumigen Zahlern zu pfänden.

Darüber hinaus hatte der Amtmann die Aufgabe dafür Sorge zu tragen, dass die stiftshörigen Bauernhöfe von ihren Besitzern in Ordnung gehalten wurden. Das schloss auch die Pflege der Anpflanzungen, Hecken und Bäume ein. Selbst um die Neuanpflanzung von jungen Bäumen kümmerte er sich und das zu einer Zeit, in der man die Wörter "Klimawandel" und "Klimaneutral" noch gar nicht kannte.
Und sei es der Aufgaben nicht genug, unterstand dem Amtmann auch noch das Mühlenwesen. In dieser Funktion kümmerte er sich um ihre Instandhaltung und kontrollierte die korrekte Einnahme der bäuerlichen Mahlsteuer (die sogenannte Multer). Fast zwanzig umfangreiche Aufgaben hatte der Stiftsamtmann letztendlich wahrzunehmen, schließlich war er "Verwaltungschef" des Damenstiftes und somit das wichtigste Steuerelement im Rechts- und Wirtschaftsleben von Nottuln. Faktisch vertrat er die weltliche Macht der Äbtissin, unterstützt durch einen polizeiähnlichen Diener, den Kapitels-Vogten.

Die Alte Amtmannei wird vorübergehend zur Kaplanei

Der letzte Stiftsamtmann war übrigens Heinrich Anton Berzen, dem nach längerer Probezeit Äbtissin und Kapitel des Damenstiftes Nottuln am 18. September 1782 die Bestallungsurkunde ausstellte. Nach Aufhebung der geistlichen Körperschaft des Stiftes durch das Dekret von Napoleon im Jahre 1811 wohnten in der Amtmannei noch einige Kaplane der katholischen Kirche, sodass man später sogar von der "Kaplanei" sprach.
Wer mehr über die Alte Amtmannei erfahren möchte, der sollte die Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld, Heft 1/2 1981, S. 125-139, beim Kulturamt des Landrates Coesfeld einsehen oder sich an den Kreisheimatverein Coesfeld e. V. wenden. Unser Nottulner Heimatforscher Hans-Peter Boer hat einige sehr bemerkenswerte Schriften zum historischen Ortskern von Nottuln verfasst.

Erhaltung des historischen Ortskerns

Wie bereits aus der Einleitung erkennbar wird, lag unserem ehemaligen Gemeindedirektor Joseph Moehlen die Erhaltung des historischen Ortskerns besonders am Herzen. So ließ er zum Beispiel die gemeindeeigenen Kurien restaurieren und hinter der Aschebergschen Kurie ein passendes Fachwerkensemble entstehen. Dieses besteht aus drei eineinhalbgeschossigen Fachwerkbauten, die einen ausreichenden Blick auf die hinteren Fassaden der Aschbergsche und der Recksche Kurie zulassen und mit ihnen einen romantischen Hinterhof bilden.

Im Jahre 1981 widmete sich Joseph Moehlen der geschichtsträchtigen Alten Amtmannei, die lange leer stand und dem zeitlichen Verfall preisgegeben war - eine Restauration war nicht mehr möglich. So ließ er sie mit großem Aufwand auf ihren alten Grundmauern wieder neu errichten. Bereits 1982 konnte die Alte Amtmannei ihrer neuen Bestimmung als kulturelles Zentrum allen Bürgern Nottulns übergeben werden. 

Seit 1982 wichtigstes Kultur- und Veranstaltungszentrum im Ortskern von Nottuln

Fortan fanden in dem beispielhaften Kulturzentrum unzählige Veranstaltungen statt. Ob Konzerte, Empfänge, Kunstausstellungen, Preisverleihungen, Vorträge oder Lesungen, es gab und gibt dafür keinen passenderen Ort, als die Alte Amtmannei.
Im Obergeschoss ist ein „Konzertsaal” für rund 120 Personen eingerichtet. Dazu gehört ein Konzertflügel, der seinerzeit vom GD Joseph Moehlen als Liebhaber der klassischen Musik angeschafft wurde. Doch dieser Raum ist ebenfalls multifunktional nutzbar.
Im Untergeschoss befindet sich ein rund 60 qm großes Kaminzimmer für kleine Veranstaltungen mit knisterndem Herdfeuer. Hier kann auch ein kleines Büfett mit Stehtischen für die Veranstaltungspausen aufgebaut werden. Außerdem befindet sich dort eine kleine Küche, eine Garderobe und das Foyer. Wer die Veranstaltungsräume nutzen möchte, kann sich gerne an die Gemeindeverwaltung in Nottuln wenden (Telefon 02502 9420, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Ehrung des ehemaligen Gemeindedirektors Joseph Moehlen

Im Oktober 2015 stellten die heutigen Redakteure des Nottulner Blickpunktes (NB) Karin und Jürgen Gerhard an die Bürgermeisterin Manuela Mahnke und den Gemeinderat den Antrag, einen Platz oder eine Straße nach dem ehemaligen Gemeindedirektor Joseph Moehlen zu benennen. Schließlich hat er in seiner aktiven Dienstzeit von 1972 bis 1993 den Ort wie kein anderer vor oder nach ihm geprägt, was die Erhaltung des historischen Ortskerns, aber auch die Entwicklung Nottulns insgesamt betrifft. Falls sich jemand für die umfangreiche Begründung interessiert, weisen wir auf Seite 43 unseres 304 Seiten starken Bildbandes "Nottuln, ein starkes Stück Heimat" hin, der in der Buchhandlung Esplör erhältlich ist.
Am 21. September 2017 war es dann endlich so weit. Nachdem unserem Antrag stattgegeben wurde, konnte, wie mit der Familie Moehlen besprochen, der Platz, auf dem die Alte Amtmannei steht, feierlich in Joseph-Moehlen-Platz umbenannt werden. Leider verstarb Joseph Moehlen am 4. Januar 2016 im Alter von 78 Jahren und konnte die Würdigung seiner Lebensleistung und die Ehrung seiner Person, nicht mehr miterleben. Seine Angehörigen und wir sind uns jedoch sicher, dass ihm das sehr gefallen hätte. „Seine Bürger“ werden noch sehr weit in die Zukunft hinein von seinem Wirken in Nottuln begleitet werden. Joseph Moehlen wird "sein" Nottuln nun aus einer anderen Perspektive betrachten.

 Wir haben den ursprünglichen Artikel aufgrund seiner Länge nachträglich in Kapitel 1 und 2 geteilt. Fortsetzung, Kapitel 2, ist bereits eingestellt. 

Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Ihre Redakteure vom NB
Karin und Jürgen Gerhard

Die Kurie von Ketteler auf Harkotten

Die Kurie von Ketteler auf Harkotten, Stiftsplatz 6, wurde ebenfalls nach dem großen Brand in Nottuln im Jahre 1948 errichtet. Sie ist die einzige, die sich auch heute noch im Privatbesitz befindet. Die Kettelersche Kurie wandelte sich vom Damenstift zum Dechantinnenhaus und später zur Rektoratsschule, einem Vorläufer der Realschule. Bis 1977 hatte schließlich die Spar- und Darlehnskasse dort ihren Sitz. Danach siedelten sich in der Kurie Arztpraxen an, die auch heute noch für das Wohl der Bürger sorgen.

Natürlich haben sich dadurch im Laufe der Zeit einige bauliche Veränderungen im Inneren der Kurie, insbesondere durch die Erweiterung der Geschäftsräume der Spar- und Darlehnskasse ergeben. Der zum Teil noch historische Bestand wurde dabei leider aufgegeben.
Von Außen macht die Kurie einen sehr gepflegten Eindruck und fügt sich harmonisch in das Gesamtbild der Kurien ein - dafür kann man dem privaten Besitzer Dr. med. Gerd Baumeister nur dankbar sein.

Im Hinterland der Kurie, am Ende eines kleinen Gartens, fällt einem ein liebevoll saniertes Kleinod auf, im Volksmund auch „Leb- oder Pfefferkuchenhaus“ genannt. Vermutlich wurde es früher auch als Back- oder Brauhaus genutzt. 

Eine besonders stimmungsvolle Nachtaufnahme der Kettelerschen-, der Reckschen-, und der Aschebergschen Kurie präsentieren wir Ihnen in der anschließenden Bildergalerie. Auch hier zeigt sich noch einmal deutlich, dass so ein eindrucksvoller Anblick nur dann entstehen kann, wenn nachts für einen bestimmten Zeitraum endlich wieder die gemeindeeigenen Kurien angeleuchtet werden. Das ist nunmehr schon einige Jahre nicht mehr der Fall. Somit stellt sich die Frage, wann kommt endlich die neue energiesparende LED-Beleuchtung zum Einsatz? Sehr wichtig wird dabei eine "warme" Lichtfarbe sein, wie auf der Fotografie deutlich wird.

Mit diesem Artikel ist das Kapitel der Kurien im historischen Ortskern erst einmal abgeschlossen. Gegebenenfalls werden wir die Artikel durch weitere Fotografien und Texte ergänzen, beziehungsweise aktualisieren.
In der Serie "Denkmalschutz im historischen Ortskern" wenden wir uns jetzt der "Alten Amtmannei" und dem Gesamtkunstwerk, der "Pfarr- und Stiftskirche St. Martinus" zu.

Mit besten Grüßen

Ihre Redakteure

Karin und Jürgen Gerhard

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