Blickpunkt Nottuln
03.11.2026
Blickpunkt Nottuln
Das Wohngebäude für Auszubildende und Studenten steht im starken Kontrast zu den direkt anliegenden Flüchtlingswohnunterkünften
Blickpunkt Nottuln
Eine komfortable Auzugsanlage wurde in ein zweieinhalbgeschossiges Gebäude eingebaut. Erforderlich ist das laut Landesbauordnung allerdings erst ab einem vierten oberirdischen Geschoss

Exklusives Gebäude

Wohnen für Studenten und Auszubildende

Wer am Appelhülsener Bahnhof vorbeiläuft, erreicht in Kürze die Flüchtlingsunterkünfte, die offensichtlich in schlichter Schnellbauweise aus Fertigteilen errichtet wurden. Dahinter erstrahlt, von Modernität geprägt, das neue Gebäude für Studenten oder Auszubildende, denen sechs Appartements mit jeweils 35 qm und einer Dachgeschosswohnung mit zwei Zimmern zur Verfügung stehen. Der Kontrast ist groß! Das gesamte Treppenhaus ist verglast, das übrige Gebäude größtenteils verklinkert. Auf der Rückseite zieren mehrere Balkone das Gebäude. Beheizt wird es über eine Luftwärmepumpe, die seitwärts am Gebäude aufgestellt ist. Eine Solaranlage ist ebenfalls an Bord.

Betritt man das Gebäude, setzt sich der Eindruck fort (siehe Fotografien). Erreichbar sind die fünf Appartements in dem zweigeschossigen Gebäude, plus Staffelgeschoss, über eine innenliegende Treppe. Erstaunt waren wir über die moderne Aufzugsanlage, deren Einbau gem. § 39 Absatz 4 der Landesbauordnung (BauO NRW) erst für Gebäude mit mehr als drei oberirdischen Geschossen (also ab dem 4. oberirdischen Geschoss) Pflicht ist. Solche Anlagen sind bekanntermaßen sehr teuer, und zwar nicht nur in der Anschaffung und ihrem Einbau, sondern auch in der Unterhaltung.

Dass bei dieser Bauweise die erst einmal kalkulierten Kosten nicht einzuhalten sind, musste eigentlich jedem normal denkenden Menschen von vorneherein klar gewesen sein. So ist der nachzufinanzierende Betrag auch kein Wunder. Alleine für die Aufzugsanlage sind Kosten in Höhe von 60.000 bis 100.000 Euro anzusetzen.

Natürlich hätten wir uns als Auszubildende auch gefreut, wenn uns damals so vorzüglich ausgestattete Appartements in einem modernen Neubau mit einer niedrigen Miete angeboten worden wären. Doch das Gegenteil war der Fall: Es waren einzelne Zimmer in einem Altbau. Ausgestattet mit jeweils einem Waschbecken und  fließendem kalten Wasser, ohne Duschgelegenheit, ließen sie jeglichen Komfort vermissen. Es gab keine Kochgelegenheit und die Toilette befand sich eine Etage tiefer im Flur. Genutzt wurde sie von meinem Zimmernachbarn, einem nebenanwohnenden Studenten, und mir. Was anderes hätten wir uns damals auch kaum leisten können. Von einer eigenen Küchenzeile mit Geschirrspülmaschine und einem Hauswirtschaftsraum mit Trocknern und Waschmaschinen sowie einem separaten Aufenthaltsraum hatte man nicht einmal träumen können. Ja, es war eine andere Zeit, wird dann immer so leicht daher gesagt, und heute, wird oft alles andere damit gerechtfertigt!
Trotzdem hatten wir während dieser Zeit - auch ohne diesen Luxus - viel Spaß und Freude. Wir waren eben sehr kreativ und stark im Improvisieren. Und das sind Eigenschaften, die man im späteren Leben immer wieder gut gebrauchen kann. 

Ob diese kostenintensive Bauweise der Verhältnismäßigkeit der vorhandenen Mittel entspricht und die hohen Entstehungskosten alleine mit dem angeführten Argument des Bürgermeisters Dr. Dietmar Thönnes, dass, falls das Haus irgendwann nicht mehr für Auszubildende gebraucht werde, sich problemlos anderweitig nutzen lasse, zu rechtfertigen sind, mag jeder selbst beurteilen, zumal unsere Gemeinde Nottuln mittlerweile hoch verschuldet ist. Wir meinen eher nicht, und hätte man nicht dann bei den Flüchtlingsunterkünften gleichermaßen handeln müssen? Schließlich sind es die Steuergelder der Bürgerinnen und Bürger, die hier eingesetzt werden.

Zudem stellt sich die Frage, ob bei so niedrigen Mieten (450 € pro Appartement, inklusive Heizung, Wasser und Internet) alleine die Kosten für den Unterhalt dieser Einrichtung gedeckt sind, von der Wirtschaftlichkeit einmal ganz abgesehen. Schließlich werden die Unterhaltungskosten bei so einem Gebäude mit Aufzugsanlage nicht gerade niedrig sein, und Rücklagen für Reparaturen müssen auch gebildet werden. Außerdem werden die Herstellungskosten durch die Erstellung der Außenanlagen, Pflasterung etc., noch steigen. Es wird interessant sein, wie hoch letzten Endes - nach Abzug der Förderung - die Gesamtkosten für die Gemeinde sein werden und ob die Nachfinanzierung reichen wird.

Übrigens kam es Ende September beim kommunalen Wohnungsbau in Nottuln zu einer Neuordnung der Zuständigkeiten. Die Pyramis Immobilien Entwicklungsgesellschaft mbH (P.I.E.) mit Sitz in Telgte sowie der verbundene Dienstleister Hausverwaltung Münsterland GmbH haben die operative Haus- und Mietverwaltung für die Wohnungsbaugenossenschaft Lerchenhorst eG niedergelegt. Sämtliche Architektur- und Ingenieurleistungen für die laufenden Bauvorhaben verbleiben hingegen vollständig in den Händen der Telgter Planer. So ihre schriftliche Mitteilung an unsere Redaktion. Die Haus- und Mietverwaltung obliegt nun der Lerchenhorst eG.

Den künftigen Bewohnerinnen und Bewohnern wünschen wir natürlich viel Freude an und in ihren Wohnungen: Sie haben viel Glück gehabt.
Natürlich hält auch unsere Redaktion es für wichtig, für Auszubildende und Studierende etwas zu tun, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr während dieser Zeit bei ihren Eltern wohnen können. Bereits in einem Gespräch mit Dr. Dietmar Thönnes, während seiner damaligen Vorstellung in unserem Hause als Bürgermeisterkandidat, hatten wir vorgeschlagen, ältere, kaum oder nicht mehr genutzte vorhandene Wohnungen bzw. Gebäude in Schapdetten zu sanieren, um sie als Wohnraum für Studenten aus Münster nutzen zu können. Schapdetten hatten wir, wie bereits angeführt, aufgrund leerstehender Gebäude, wegen der Nähe zu Münster, der vorhandenen Busanbindung (stündlich) und auch der weiteren guten Erreichbarkeit (zum Beispiel mit dem Pedelec), ausgewählt. Was den Standort betrifft, hielt Thönnes Appelhülsen, aufgrund des Bahnhofes, für günstiger.

Bei all diesen Überlegungen hatten wir aber keinesfalls an solche Luxusimmobilien gedacht. Hätte man hier gespart, und sich mit dem normalen Standard begnügt, stünden Finanzen für die Schaffung von weiteren Auszubildenden-Wohnungen zur Verfügung. 
In der nachstehenden Bildergalerie können Sie sich weitere Bilder von der Wohnanlage und ihrem Umfeld anschauen und sich Ihre eigene Meinung bilden.

Mit besten Grüßen

Ihre Redaktion
Karin und Jürgen Gerhard

Weitere Bilder mit Textlegende (zum Vergrößern bitte anklicken):